In der Zeit vom 7. bis 9. Mai 2010 trafen sich Vorstandsmitglieder der Bezirksvereine Braunschweig, Halle, Magdeburg und Karlsruhe in Clausthal-Zellerfeld zum traditionellen Treffen der vier Bezirksvereine. Eingeladen hatte der Braunschweiger BV und die Organisation wurde von der BG Harz und dem AK Studenten und Jungingenieure an der TU Clausthal wahrgenommen. Die 22 Teilnehmer waren Großteils im Traditionshotel „Zur Krone“ in Clausthal untergebracht in dem beispielsweise schon Heinrich Heine während seiner Harzreise logiert hatte.
Den Auftakt des Treffens bildete die Vorstellung und Besichtigung des 1984 als „Spin-off“ der TU gegründeten Unternehmens Sympatec und ein Fachvortrag von Prof. E. Gock über ein Verfahren zur sauren Entzinkung von Stahlschrotten. Der Geschäftsführer von Sympatec, Dr. Röthele, zeigte an der Entwicklung der Firma nicht nur physikalische Grundprinzipien und Funktionsweisen von modernen Partikelanalysesystemen, sondern erwies sich beim Rundgang im 2004 bezogenen neuen Firmengebäude als profunder Kenner der Geschichte des Oberharzer Bergbaus. Er hat nicht nur Bergbaureste marketingwirksam in das Gebäude integriert, sondern unterstützt auch zahlreiche lokale Aktivitäten zur touristischen und musealen Nutzung entsprechender Bergbaureste.
Prof. Gock illustrierte in seinem folgenden Fachvortrag die Problematik beim Recycling von verzinkten Stahlblechresten aus der Automobilindustrie und stellte ein neues Verfahren zur Entzinkung entsprechenden Schrotts im Vergleich zu bekannten Verfahren vor. Dass diese Betrachtungen nicht rein akademischer Natur sind, zeigte die Vorstellung einer beim CUTEC-Institut wenige Tage zuvor in Betrieb gegangenen Pilotanlage zur Verarbeitung von 1 Tonne Blechschrott pro Stunde.
Nicht nur nach dem Vortrag, auch beim folgenden Imbiss und später beim Umtrunk im Hotel wurde eifrig diskutiert, alte Bekanntschaften vertieft und Neue geknüpft.
Treffpunkt am Samstag war das Fritz-Süchting-Institut für Maschinenwesen: Prof. Lohrengel erläuterte aktuelle Forschungsthemen des Instituts und vertiefte seine Ausführungen bei der folgenden Besichtigungstour. In Folge zahlreicher Fragen und Diskussionen während der Besichtigung der Labors und Prüfstände kam DI Thoden mit seinem folgenden wissenschaftlichen Vortrag über „Druckkämme als Lagerung für schrägverzahnte Getriebe“ stark unter Zeitdruck. Seine Ausführungen zu allgemeinen Berechnungsvorschriften für diese vor allem im Turbinen- und Schiffsgetriebebau eingesetzten Getriebe fanden großes Interesse.
Die unmittelbar anschließende Diskussionsrunde unter dem Thema „Lokale Öffentlichkeitsarbeit“ war zentraler Teil des Erfahrungsaustauschs. Nach Vorstellung der Teilnehmer und Impulsvortrag des Braunschweiger Vorsitzenden wurden u.a. die Punkte
- Für was steht der VDI? Die Marke VDI,
- Mitglieder gewinnen binden aktivieren, Werbung älterer Mitglieder,
- Finanzen,
- Collaboration Platform,
- Marketing-Konzept des VDI,
eingehend und zum Teil kontrovers diskutiert. Als best-practise Beispiel wurde die Veranstaltung „Technik verbindet“ umfassend vorgestellt. Auch während des Mittagessens und dem folgenden Fußmarsch zum Ausgangspunkt der Nachmittagsveranstaltung wurde in Gruppen weiter diskutiert.
Am ehemaligen Bahnhof trafen die immer noch diskutierenden Aktiven auf die Damen, die den Vormittag zu einer Stadtführung und für einen Besuch des „Mönchehausmuseums für moderne Kunst“ in Goslar genutzt hatten. Gemeinsam fuhr (oder besser „ritt“) die Gruppe bei sonnigem Wetter mit der ehemaligen Tagesförderbahn reichlich 2 km zum Ottiliae-Schacht. Von dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts modernsten Schachtanlage in Europa in (heute) landschaftlich reizvoller Umgebung ist das Fördergerüst und das Maschinenhaus mit seiner funktionsfähigen Fördermaschine erhalten. Die Führung gab reichlich Einblick in die Technologie und die lokalen Gegebenheiten des Oberharzer Gangerzbergbaus. Einige Mutige hatten Gelegenheit, mit leuchtenden Augen die Fördermaschine entsprechend den vorgegebenen Glockensignalen des Führers zu bedienen Technik zum Anfassen ist keine Altersfrage! Bei der Rückfahrt mit der Tagesförderbahn sprang bei der letzten Weiche unmittelbar vor dem Bahnhof der erste Wagen aus dem Gleis: bei so viel versammelter Ingenieurerfahrung kein Problem. Durch geschicktes Rangieren und mit vereinten Kräften war das Problem unter großem Hallo schnell gelöst.
Nach einem weiteren Fußmarsch erreichte die Gruppe das Oberharzer Bergwerksmuseum im Ortsteil Zellerfeld. Seit 1892 werden „Bergbaualterthümer“ gesammelt. Vor allem nach den Schließungen der Gruben in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand auf dem Außengelände des Museums aus demontierten Originalteilen über und unter Tage ein Museumsbergwerk. Die sehr interessante Führung orientierte sich an Auszügen der Harzwanderung von Heinrich Heine, der 1824 „die zwei vorzüglichsten Klausthaler Gruben“
[1] besucht und seine Eindrücke literarisch verarbeitet hat. So ging es nach dem eigentlichen Museumsrundgang ins Bergwerk und durch schier endlose, enge, niedrige und verwinkelte Stollen und Kammern. Die feuchte Kühle begann sich schon bei einigen Teilnehmern unangenehm bemerkbar zu machen als ein enges Gewölbe unter der Museumsgaststätte erreicht wurde einer unterirdischen „Steigerbucht“ nachempfunden in dem eine „Tzscherpermahlzeit“ bereitstand. Der Namensgeber für die bergmännische Mahlzeit ist der „Tzscherper“, ein feststehendes Berufsmesser mit kurzer gerader, starker Klinge, das nach einer Verordnung des Clausthaler Bergamtes von 1850 jeder Bergmann bei sich zu tragen hatte, um die hölzernen Grubeneinbauten auf Fäulnis zu untersuchen oder gebrochene Leitersprossen zu ersetzen. Es diente häufig unter Tage auch als einziges Essbesteck mit dem man sein Brot „über den Daumen“ aß. Der Anblick und der Verzehr der kalorienarmen Genüsse ließ die Stimmung schnell steigen zumal sich eine Gruppe von Herren in bergmännischer Festtagstracht zu uns gesellten: der Bergschulchor des Traditionsvereins Berg- und Hüttenschule Clausthal, die diesen bergmännischen Abend mit Liedvorträgen und Anekdoten würzten. Das umfangreiche Tagesprogramm forderte seinen Tribut von den Teilnehmern und so vernahm nur noch eine Resttruppe den „Mitternachtsschrei“ der anwesenden Burschenschaftler.
Der Sonntag bot eine besondere Veranstaltung zum Abschluss des Treffens: eine Kirchen- und bauhistorische Führung in der 1642 geweihten Marktkirche „Zum Heiligen Geist“ in Clausthal, der größten Holzkirche in Deutschland. Nach einleitendem Vortrag von Herrn Gisevius zu Entstehungsgeschichte, Vorbildern, architektonischem Konzept und kirchenhistorischer Bedeutung folgte die Gruppe häufig einfach nur staunend dem Führer durch für die Öffentlichkeit unzugängliche Treppenhäuser, Türme, Emporen und Zwischengeschosse. Seit die Kirche Anfang 2005 in das Denkmalpflegeprogramm „National wertvolle Kulturdenkmäler“ des Bundes aufgenommen wurde, können umfangreiche Sicherungs- und Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden. Dabei wurde u. a. auch ein „Konstruktionsfehler“ im originalen Kirchenbau beseitigt. Der alte Glockenstuhl schwang nach 10 Minuten Geläut horizontal um mehr als 10 cm in beiden Richtungen. Da der Zwischenraum zur tragenden Konstruktion des Kirchenschiffs aber nur 3 cm betrug, wurde das gesamte Kirchenschiff mit jedem Läuten zu Schwingungen in Längsrichtung angeregt. In Folge riss die Bleieindeckung der Kirche zwischen Glockenturm und Kirchenschiff und im Rhythmus von jeweils ca. 30 Jahren mussten umfangreiche Reparaturen an dem durch Fäulnis stark angegriffenen Fachwerk vorgenommen werden. Nachdem das Problem erkannt war, wurde 2008 eine moderne 60-t Holzkonstruktion gebaut und bei entferntem Turmdach in den originalen Turm aber auf ein neues Fundament eingebaut. Der Erfolg ist offensichtlich: nach 10 Minuten Geläut schwingt die neue Konstruktion weniger als 1mm in beiden Richtungen! So folgten zahlreiche große und kleine Details, sowie eine Reihe von im Zuge der Arbeiten gefundenen Artefakten aus unterschiedlichen Epochen bis zurück zur Entstehung der Kirche. Die Erhaltung und Restaurierung dieses einzigartigen Kulturdenkmals ist eine wahrscheinlich endlose Mammutaufgabe, die seit 2001 mit großer regionaler Unterstützung aufgenommen wurde. So gehört auch die eingangs erwähnte Firma Sympatec zu den Unterstützern der Kirchensanierung.
Tief beeindruckt versammelte sich die Gruppe zum abschließenden Mittagessen vor der Heimreise. Die Teilnehmer bedankten sich herzlich bei den Organisatoren von der BG Harz und den Studenten und Jungingenieuren der TU Clausthal. Eine rundum gelungene und interessante Veranstaltung, die den Teilnehmern sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird. Im Spätsommer/Herbst 2011 wird der nächste Erfahrungsaustausch in Halle stattfinden.