100 Jahre Verfahrenstechnik in Merseburg

Gespräch mit Herrn Thomas Joachim, Geschäftsführer der ANA Verfahrenstechnik GmbH


Dieser Nachbau einer Eindampfanlage, wie sie von der Maschinenfabrik Wiegand in den 20er Jahren gefertigt wurde, befindet sich heute auf dem Firmengelände der ANA Verfahrenstechnik GmbH
Herr Joachim, Sie haben am 20. Juni 2008 den 100sten Jahrestag der Erteilung eines Patentes an Herrn Wilhelm Wiegand gefeiert. Kann eine Erfindung tatsächlich so intensiv die Entwicklung einer Firma beeinflussen?

Joachim: Das Patent von Wilhelm Wiegand aus dem Jahre 1908 hat für diesen Standort eine sehr wichtige und historische Bedeutung. Seit über 100 Jahren beschäftigt man sich hier in Merseburg mit der Eindampftechnik. Es war zum damaligen Zeitpunkt nicht nur eine Neuerung, sondern auch die Chance moderne Ingenieurtechnik in Merseburg zu betreiben. So entstand nach der Gründung des Ingenieurbüros Wilhelm Wiegand die Maschinenfabrik Wilhelm Wiegand. Diese Konstellation der Verbindung von Ingenieurwesen und Apparatefertigung ist noch heute Bestandteil der ANA-Verfahrenstechnik GmbH.


Eindampfanlagen nach den Wiegandschen Ideen sind noch heute Bestandteil Ihres Profils. Wie ist man damals auf so ein langlebiges Thema gekommen?

Joachim: Mit der Eindampftechnologie verdienten und verdienen seit 100 Jahren Schlosser, Schweißer, Angestellte und Ingenieure in diesem Betrieb ihren Lebensunterhalt. Die Eindampftechnik und Merseburg gehören eng zusammen. Der Standort wurde nicht zufällig gewählt, sondern die Erfindung basierte auf der Notwendigkeit einer umweltgerechten sowie logistisch günstigen Entsorgung von Gerbbrühen der damals hier ansässigen Lederfabrik, welche im Besitz des Vaters von Wilhelm Wiegand war.


1908 war der Standort Merseburg also eher Zufall. Im Zuge der Entwicklung einer bedeutenden Chemieindustrie im Umfeld wird sich das dann aber wohl positiv ausgewirkt haben. Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Standort Merseburg?

Joachim: Dass sich der Standort Merseburg so positiv auf das Unternehmen auswirkte, war damals bestimmt nicht erkennbar gewesen. Natürlich kann man aber sagen, dass sich nach dem Einzug der chemischen Industrie und der dazugehörigen Infrastruktur im Großraum Merseburg das Unternehmen stärker entwickeln konnte als je vorausgesehen. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine Anzahl von Firmen, mit denen man bereits über viele Jahrzehnte in geschäftlicher Verbindung steht.


Verraten Sie uns ein Geheimnis, wie eine so kleine Firma es immer wieder schaffen kann, die Weltspitze mitzubestimmen.

Joachim: Durch ein sehr gutes ingenieurtechnisches Wissen und eine Fertigung auf qualitativ anspruchsvollstem Niveau haben wir uns einen großen Kundenstamm aufgebaut und es kommen ständig neue Kunden dazu. Ein Punkt des Erfolges steckt in der kreativen Lösung des vom Kunden vorgegebenen Problems. Man erkennt das daran, dass fast jedes unserer Produkte als Unikat geplant, gefertigt und geliefert wird.


Sie bestimmen das Niveau Ihrer Produkte in allen Phasen selbst?

Joachim: Alle Anlagen sowie einzelne Apparate durchlaufen die jeweiligen Abteilungen in unserer Firma, angefangen von der verfahrenstechnischen Entwicklung über die Konstruktion bis hin zur Fertigung mit den dazugehörigen Abnahmen im eigenen Hause.


Welchen Einfluss hat eine qualifizierte Belegschaft auf den Erfolg des Unternehmens?

Joachim: Im Unternehmen sind 56  Mitarbeiter beschäftigt, welche alle zum Erfolg der Firma beitragen. Wir sind stolz auf die Motivation und Einsatzbereitschaft der Beschäftigten. Auf dem Markt herrscht ein täglicher Kampf um Aufträge. Mit unserer Mannschaft sind wir sehr gut aufgestellt und können flexibel auf die Kundenwünsche eingehen. Sicherlich liegt es auch daran, dass die Herstellung unserer Produkte eben als Unikat erfolgt und wir somit täglich auf neue Situationen eingestellt sein müssen.


Tun Sie auch selbst etwas, um dieses Niveau der Qualifikation auch für die Zukunft zu sichern?

Joachim:
Auf der Suche nach jungen Ingenieuren zeigt sich leider, dass diese kaum verfügbar sind. Unsere Erfahrung ist, dass die jungen Ingenieure zunehmend in großen namhaften Unternehmen eine Anstellung finden und sich nicht für ein kleines mittelständisches Unternehmen entscheiden. Unter diesen Umständen arbeiten wir derzeit verstärkt mit jungen Menschen zusammen, welche sich in einem Maschinenbaustudium befinden oder dieses demnächst beginnen möchten. Über diesen Weg erhoffen wir uns für die Zukunft engagierte junge Ingenieure auf einem Arbeitsplatz in unserem Unternehmen.


Haben Sie Pläne für die Zukunft, die sie jetzt schon verraten können?

Joachim:
Unser größter Plan für die Zukunft ist die Errichtung einer modernen Fertigungsstätte. Die derzeitigen Fertigungsstätten stammen aus den Gründerjahren des Standortes und entsprechen kaum noch den heutigen Anforderungen, so zum Beispiel bezüglich Fertigungsablauf oder Energieverbrauch. Mit der neuen Fertigungsstätte werden wir unsere Produkte effizienter und qualitativ noch besser herstellen können.


Das Gespräch führte Dr. Gerhard Kämpfer (VDI), Mitglied des Redaktionskollegiums der IngPost.


Ausgabe 4/2008