Senioren-Experten-Service Einsatzerfahrungen aus Äthiopien

Der Senioren-Experten-Service (SES) ist eine gemeinnützige Gesellschaft. Er entsendet aus dem Berufsleben ausgeschiedene Fachkräfte , „Senioren Experten“,   die ihr Wissen ehrenamtlich weitergeben wollen ins Ausland und in letzter Zeit auch verstärkt zu Einsätzen ins Inland. Bei den Einsätzen stehen in erster Linie die Qualifizierung des Personals, die Qualitätssicherung der Produkte sowie die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen im Vordergrund.

Die Tätigkeit der Senioren Experten ist auf die schnelle pragmatische Hilfe vor Ort ausgerichtet. Anleitung zur Selbsthilfe ist gefragt, in der Regel in Verbindung mit der Lösung akuter Probleme.

Der SES begeht im Mai 2008 sein 25 jähriges Bestehen. Bisher gab es mehr als17 000 Einsätze rund um den Erdball. Ein Schwerpunkt ist dabei der afrikanische Kontinent. Ich selbst war im Auftrag des SES wiederholt in Äthiopien, um in Chemiefabriken auf dem Gebiet der Anlagenautomatisierung und der Instrumentierung zu helfen.

Äthiopien gilt heute als eines der ärmsten Länder der Welt. Die äthiopische Regierung ist entschlossen, das zu ändern. Sie verfolgt das ehrgeizige Ziel, innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre das Land zu einem „middle income country“ zu entwickeln. Der SES will dabei helfen.

Seit den 80ger Jahren arbeiten in Äthiopien einige Chemieanlagen, die aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion importiert wurden. Das Automatisierungsniveau dieser Anlagen ist auf dem Stand von 1970 ohne grundlegende Erneuerung. Diese staatlichen Fabriken benötigen dringend Unterstützung im Zusammenhang mit den notwendigen Ersatzinvestitionen, der Anlagensicherheit und der Qualitätssicherung.

Die Analyse der Instrumentierung im Werk MELKASSA in Nazareth ergab, dass ca. 80 Prozent der Sensorik und der Stellglieder die Anforderungen hinreichend erfüllen. Dies konnte mit viel Reparaturaufwand und Improvisationsvermögen des Anlagenpersonals erreicht werden. Der Betreiber repariert und justiert Geräte mit einfachen Mitteln selbst, was mit europäischen Standards der Qualitätssicherung und Zertifizierung nicht vereinbar wäre.

Das pneumatische Einheitssignal 0,2 – 1,0 bar hat sich unter den Klimabedingungen bewährt. Einige Messwertgeber, insbesondere Rotameter und Füllstandsmessungen, aber auch Temperaturmessungen mit Handumschaltern, Wägetechnik und einige wichtige Kompaktregler sind dringend zu ersetzten.

Die Gerätehersteller der meisten BMSR-Ausrüstungen sind nicht mehr existent, (u. a. polnische und ehemalige DDR-Fabrikate). Original-Ersatzteile sind nicht mehr lieferbar.

Unter dem Aspekt, dass die Prozessanlagen weitere 10 bis 15 Jahre produzieren sollen, ergaben sich folgende Lösungsansätze:

1.

Selektive Eliminierung und Ersatz mit neuen marktgängigen modernen Einzelgeräten


2.

Komplette Erneuerung der gesamten Instrumentierung mit neuer Gerätegeneration konventioneller Automatisierung


3.

Generationswechsel zu einem integrierten digitalem Prozeßleitsystem


Aus Kostengründen konnte vorläufig nur auf die Variante 1 orientiert werden und mit Beratung des SES wurden die Anfragespezifikationen vorbereitet.

Ein anderer Schwerpunkt des Einsatzes in dem Werk MELKASSA war die Erneuerung eines Reaktors für die Herstellung von Aluminiumsulfat. Diese Rührmaschine, 25 m3, 16 bar, 140 °C, wurde auf Anraten eines weiteren SES-Experten in der BRD gefertigt und wurde während des letzten Einsatzes erfolgreich in Betrieb genommen, einschließlich der Instrumentierung und der elektrotechnischen Anlagen.

Während für alle technischen Probleme mit der Hilfe des SES Lösungen gefunden wurden, überlagerten Marketingfragen die Arbeiten zur Mobilisierung der Fabrik in Nazareth: Der Absatz des Zielproduktes Aluminiumsulfat, als Flockungsmittel für die Wasseraufbereitung, konnte nicht mehr gesichert werden, weil zwischenzeitlich die Handelsketten durch ausländische Lieferanten unterbrochen wurden. Die Produktion musste gestoppt werden. Die Lager für Zwischenprodukte und das Endprodukt waren überfüllt.

Daraus ergaben sich völlig neue Fragestellungen zur Verwendung der im Werk MELKASSA erzeugten Schwefelsäure und strategische Überlegungen mit dem Ziel für weitere Alternativprodukte für das Werk MELKASSA. Auch hier hilft der SES mit Beratungen in die Richtung, dass aus der Schwefelsäure und Rohapatit oder aus Schwefelsäure und aus Sekundärrohstoffen regionaler Schlachtbetriebe ein Phospatdünger für die äthiopische Landwirtschaft produziert werden könnte. In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Einsatz in Vorbereitung.

Der Unterstützung des SES wird von den äthiopischen Partnern mit großer Herzlichkeit und Dankbarkeit begegnet. Deutsche Fachkräfte und deutsches Fachwissen werden in Äthiopien sehr geschätzt.

Dipl.-Ing. Hans-Joachim Hoffmann (VDI)
Markkleeberg
Ausgabe 2/2008