Chemie zum Anfassen

Seit Jahren gibt es an der Hochschule Merseburg ein Projekt, das sich die Aufgabe gestellt hat, Schülern das Interesse an der Chemie nahezubringen. Da sich der VDI für alle initiativen interessiert, die die Ausbildung unserer Jugend in naturwissenschaftlich-technischen Belangen fördern, sprach unser Redaktionsmitglied Dr. Gerhard Kämpfer mit der Leiterin des Projektes Frau Dr. Almut Vogt.


Frau Dr. Vogt, wie ist es zu dem Angebot der FH Merseburg gekommen, das unter dem Thema "Chemie zum Anfassen" ja nun schon seit einigen Jahren Schüler an die Hochschule zieht? Welche Anfangsbedingungen können Sie da schildern?

Dr. Vogt: Das Projekt existiert seit nunmehr über 10 Jahren. Es wurde 1997 auf Betreiben des Vereins "Sachzeugen der Chemischen Industrie" ins Leben gerufen. Ziel war es damals, verstärkt junge Leute für Naturwissenschaften, insbesondere für die Chemie zu interessieren. Das Projekt befindet sich heute in gemeinsamer Trägerschaft des Vereins und der Hochschule Merseburg und wird durch die umliegende Großindustrie gesponsert.

Von den augenblicklichen durch Umbau verursachten Beengungen mal abgesehen, hat sich Ihr Angebot im Laufe der Zeit verändert?

Dr. Vogt: An dem Angebot hat sich eigentlich ständig etwas verändert. Man hat angefangen mit 2 – 3 Themenkomplexen, die bezogen waren auf den Schulstoff. Mittlerweile betreuen wir ja Kinder von der ersten Klasse bis zur Abiturstufe. Und da ist es natürlich notwendig, dass die Themen immer wieder aktualisiert werden. Sie sind sowohl alltagsbezogen – das ist vor allen Dingen wichtig bei den jüngeren Schülern – und sind dann schulstoffbegleitend in den höheren Jahrgängen. Man kann die Themen aber auch so gestalten, dass sie über den Schulstoff vom Niveau her hinausgehen. Und wir sind natürlich immer dabei, die Sachen zu aktualisieren und zu überarbeiten. Es gibt ja auch durch Fördermöglichkeiten wie zum Beispiel vom Verband der Chemischen Industrie Gelder, die es uns ermöglichen, neue Stoffgebiete aufzunehmen. So haben wir im vergangenen Jahr beispielsweise das Projekt "Wie viel Chemie steckt im Kleiderschrank" gesponsert bekommen. Ein Projekt mit dem man also angefangen von Farbstoffen, Waschmitteln, Faserarten, Kunststoffen und dergleichen alles abdecken kann.

Der Mangel an Nachwuchs in technischen Bereichen, und da zähle ich die Chemie durchaus auch mit dazu, wird mittlerweile nicht nur von der Wirtschaft beklagt. Auch bei den Politikern ist die Botschaft in der Zwischenzeit angekommen. Wirkt sich das positiv auf Ihre Arbeit aus?

Dr. Vogt: Wir werden hier an der Hochschule sehr unterstützt von der Leitung der Hochschule. Und unsere Sponsoren, damit das Projekt überhaupt die Sachkosten decken kann, sind die umliegenden Großbetriebe. An erster Stelle ist hier zu nennen der Dow Olefinverbund, der uns von Anfang an unterstützt hat. Und unmittelbar danach hat sich auch die Erdölraffinerie Total als Sponsor zu diesem Projekt bekannt. Wir haben auch noch kleinere Unternehmen, die uns unterstützen wie zum Beispiel Romonta in Amsdorf. Und wir hoffen, dass noch recht viele dazukommen.

Wie ist denn das Interesse bei den Kindern und Jugendlichen? Muss man sie motivieren oder sind sie froh, eine lebendige und praktische Stoffvermittlung geboten zu bekommen?

Dr. Vogt: Eigentlich kann ich nur unterstreichen, dass das Letztere der Fall ist. Die Schüler kommen eigentlich zum Großteil motiviert hierher. Sie freuen sich, dass sie selber experimentieren können. Es ist ja immer ein Manko in den Schulen, dass nicht immer so die Gelegenheit vorhanden ist, mit der gesamten Schülerschaft zu experimentieren. Und es ist doch immer etwas Anderes, wenn man eigenständig experimentieren kann und man sieht, wie sich in dem Reagenzglas oder dem Becherglas irgendetwas verändert und man hat am Ende etwas in der Hand. Wir haben Versuchsreihen, wo wir bewusst auch darauf achten, dass die Schüler etwas mit nach Hause nehmen können, dass sie es ihren Eltern oder den Klassenkameraden zeigen können. Und mittlerweile ist es so, dass sehr viele Schüler über viele Jahre hinweg zu uns kommen aus eigenem Antrieb heraus, dass sie ihren Lehrern sagen: Im nächsten Jahr wollen wir wieder nach Merseburg zum Experimentieren Und das freut uns ganz besonders.

Legen Sie denn mehr Wert darauf, dass Chemie eine Natur-Wissenschaft ist, oder dass das mehr ein spannendes Erlebnis sein sollte?

Dr. Vogt: Ich sehe das eigentlich als ein gemeinsames Ziel. Nur das, was Spaß macht, motiviert eigentlich dazu, sich intensiver zu beschäftigen. Deshalb beginnen wir ja auch mit der ersten Klasse, dass man das Interesse weckt auf spielerische Art und Weise. Und dass wir dann versuchen, das Ganze immer mehr wissenschaftlich zu betrachten. Also man muss es schon als Gemeinsamkeit ansehen – Wissensförderung und Spaß.

Die Gruppe, die ich heute hier beobachten konnte, ist ja schon in einem Alter, wo man den wissenschaftlichen Anteil etwas höher setzen kann. Und ich konnte ja auch beobachten, dass ganz bewusst auf Erkenntnisse hingearbeitet wurde. Bei kleineren Klasse ist dann mehr das Erlebnis im Vordergrund.

Dr. Vogt: Ja, dass man die Neugier weckt an Naturwissenschaften, auch zu Hause mal ein kleines Experiment durchzuführen. Wenn die Schüler der ersten beiden Klassen bei uns sind, geben wir auch Hinweise, wie sie zu Hause mit ihren Eltern verschiedene Experimente durchführen können. Man kann ganz tolle Sachen mit Rotkrautsaft machen, indem man Zitronensaft dazu gibt oder Backpulver. Da kann man Farbänderungen beobachten. Und das imponiert natürlich den Schülern in den unteren Klassen.

Das ist also eine ganz praxisgestützte Wissensvermittlung. Diese muss natürlich aber auch an bestimmten Themen festgemacht werden. Was sind die Schwerpunkte, auf die sie sich bei der Auswahl der Versuche konzentrieren?

Dr. Vogt: Ich sagte bereits, wir haben ca. 40 verschiedene Versuchsreihen. Direkte Schwerpunkte kann ich nicht hervorheben. Es ist alles, was im Schulstoff geboten wird, enthalten, angefangen bei Säuren-Basen-Reaktionen, Metalle, Kunststoffe, Redox-Reaktionen, Elektrochemie für die Größeren... Wir versuchen, die Palette möglichst groß  zu halten, um ein breites Spektrum an Interessen zu erreichen.

Vielleicht eine letzte Frage: Merseburg war ja eigentlich über Jahrzehnte ein Zentrum der chemischen Ausbildung. In wieweit könnte eine Zusammenarbeit auch auf dem Gebiet der Ausbildung mit der chemischen Großindustrie wieder so zum Tragen kommen? Erwarten Sie, dass Ihr Projekt dazu Impulse beisteuert?

Dr. Vogt: Die Zusammenarbeit mit der chemischen Industrie ist hier an der Hochschule die ganzen Jahre über immer gegeben gewesen. Die Studenten haben ja auch während ihres Studiums Praktika in den umliegenden Betrieben. Und jetzt mit dem Schülerprojekt ist die Zusammenarbeit auch dadurch gegeben, das wir natürlich alle hoffen, auf diesem Wege geeignete Lehrlinge oder Studenten für die Ausbildung zu finden, die dann später in der umliegenden Industrie arbeiten können.

Was Sie hier machen, betrachten Sie also ganz bewusst auch als Berufswerbung?

Dr. Vogt: Ja, das sehe ich so.