„KlimaAlarm“ auf der gemeinsamen Tagung des VDI Bezirksverein Karlsruhe und der Evangelischen Akademie Baden

Auf der renommierten und traditionsreichen jährlichen gemeinsamen Tagung des VDI Bezirksverein Karlsruhe und der Evangelischen Akademie Baden im Rahmen der Bad Herrenalber Gespräche am letzen Wochenende im Januar 2008 wurden hochrangige Vorträge zu Ursachen, Folgen und notwendigen Konsequenzen des Klimawandels gehalten und diskutiert. Eröffnet wurde die Tagung wie alljährlich durch den Akademiedirektor Herrn Siegfried Strobel und Herrn Gunter Boßler, vom VDI-Bezirksverein Karlsruhe, der die weit angereisten Teilnehmer aus dem Halleschen BV ganz herzlich willkommen hieß.

Die Tagung begann mit einem einführenden Übersichtsvortrag am Freitag Abend, führte am Sonnabend mit weiteren fünf Vorträgen zu speziellen Fragen zum Klimawandel und endete am Sonntag mit einem Resümee der Referenten und unter reger Teilnahme der Zuhörer an der Diskussion.

Der Einführungsvortrag von Herrn Prof. Hartmut Graßl, Direktor des MPI für Meteorologie Hamburg,  widmete sich umfassend dem Thema Klimawandel – Schicksal oder Herausforderung für die Menschheit. Dabei verwies er (und auch weitere Referenten) auf die Clausius-Clapeyronsche Gleichung, die uns lehrt, dass infolge der nachweisbaren Erhöhung der Oberflächentemperatur unseres Planeten – seit 1900 etwa um 0,8 Kelvingrad (K) gestiegen – durch mehr Verdunstung die momentanen Niederschlagsmengen am jeweiligen Ort des Geschehens steigen werden, die Gesamtmenge aber im wesentlichen konstant bleibe. Er ging ein auf die Rolle der Treibhausgase Kohlendioxid sowie Methan und Distickstoffmonoxid (Lachgas) als gefährliche Treibhausgase, die auch bei der Verbrennung des Treibstoffes Biodiesel erzeugt werden.  Die Methanverursacher sind nach seiner Aussage Viehzucht, Kohlebergwerke und Deponien/Müllhalden in der genannten Reihenfolge. Hingegen sind die Wälder(Taiga) auf der Nordhalbkugel eine Kohlendioxid-Senke. Bei der Entwicklung von Szenarien (für Deutschland) sei bei fortgesetzter Klimaänderung in 100 Jahren eine durchschnittliche Erwärmung im Norden von ca. 2 K und im Süden von ca. 8 K zu erwarten. Derzeit werden globale Bilanzen auf Basis von „Klimamodellen“ angestellt, die aber noch sehr in den Anfängen stecken. Als Fazit stellte Graßl fest:“ Der Klimawandel ist durch Zögern bereits zum Schicksal geworden und ohne stringente Klimapolitik wird dieser für viele Menschen und auch Länder zur existenzieller Bedrohung“. In der Diskussion fiel auch das Wort „Klimagerechtigkeit“  unter Hinweis auf Bundeskanzlerin Merkel und es wurden die Ergebnisse von Kyoto und Bali hinterfragt.

Am Sonnabend eröffnete Dr. Gerd Schädler vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) mit einer Übersicht zu Klimamodellen – zur Aussagekraft von Berechnungen und Szenarien. In dem sehr interessanten und sachlich fundierten Vortrag wurden die in den „Kinderschuhen“ steckenden Bemühungen von Fachleuten und Wissenschaftlern zur modellmäßigen Berechnung des Klimas dargestellt. Dabei wird am FZK ein Klimamodell mit einer Diskretisierung von 110 km Seitenlänge bezogen auf ein quadratisches Raster entwickelt und getestet. Als wesentliche Einflussgröße für die Temperaturveränderung auf der Erde wird dabei der Albedo-Effekt – also die Reflexion der Sonneneinstrahlung an der Erdoberfläche durch Polar- und Gletschereis, aber auch durch schwankende Wolkenbildung sowie „helle“ Flächen (z. B. Wüsten) oder „dunkle“ Flächen (tropische Wälder) berücksichtigt. Es wurde deutlich, dass die Einflussgrößen sehr komplex und deren Wirkungsrichtung und –intensität noch lange nicht ausreichend erforscht sind. Für Deutschland wird eine Klimamodellierung auf Basis eines engeren Rasters von 7 km Seitenlänge des quadratischen Rasters entwickelt und getestet. Eine wesentliche Größe in den Modellen ist der Absorptionsfaktor „f“, der ein Maß für die Tendenz des Treibhauseffektes beinhaltet. Die Modelle sind insgesamt sehr stark parametrisiert und die Nordhalbkugel wird  von den Veränderungen stärker betroffen sein. Ergebnisse der tendenziellen „Vorausberechnungen“ werden jährlich im IPCC-Bericht (Intergovernmental Panel on Climate Change) veröffentlicht, siehe auch www.ipcc.ch.

Ein weiterer interessanter Vortrag folgte zum Thema „Welche Erde wollen wir  – wie wird der Klimawandel unsere Biosphäre verändern?“ von Dr. Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) – www.pik-potsdam.de. Er entwickelte  anhand der Fakten – Temperaturerhöhung um ca. 4 K in 90 Jahren und differenziert erhöhte Niederschlagsmengen in bestimmten Regionen  -  Szenarien für die Veränderungen. So wird erwartet, dass in den subpolaren Zonen ein früheres Frühjahr eintritt, das Blühverhalten und das Verhalten der Tiere sich ändert und zum Artenverlust führt sowie  eine Verknappung des (Trink-)Wassers eintreten wird (spirituelle Krise – Wasser als Lebensquell). Dabei sind die Länder der Nordhalbkugel durch Treibhausgasemission seit etwa 1950 viel stärkere Verursacher als die der Südhalbkugel. Man spricht vom „Antropozän“, das begonnen hat, und der Noosphäre (N. bezeichnet nach Wikipedia eine Phase der geistigen Entwicklung, in der die Menschheit zu einem Geist zusammenwächst oder auch das bewusste Einwirken des Menschen auf die Biosphäre).

Auf eine interessante Betrachtung der Wechselwirkung zwischen Biosphäre und Atmosphäre, die bisher nicht in den Klimamodellen Eingang gefunden hat, ging in seinem Vortrag Prof. Hans Peter Schmid, Direktor des Instituts für Atmosphärische Umweltforschung Garmisch-Partenkirchen ein. Er nannte seinen Vortrag „Klimawandel – Lebenswandel, über die Verstrickung der Biosphäre mit der Atmosphäre“.  Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist der Sauerstoff, der in unserer Biosphäre aus der Photosynthese der Pflanzen resultiert und er entwickelte daraus Bilanzüberlegungen. So ist z. B. die Kohlendioxidproduktion durch Primärenergieträger höher als die tatsächlich gemessene Zunahme in der Atmosphäre. Im Rahmen der vorgestellten Forschungsarbeiten FLUXNET werden Turm-Messungen an 200 Standorten weltweit seit 8 Jahren durchgeführt. Daraus wird ein C-Kreislaufmodell entwickelt, das in ein Biosphären-Modell eingebaut wird. Die Messungen in einer Waldzone in Kanada zeigen, dass ca. 2 - 3 t Kohlendioxid/ha jährlich durch Photosynthese gebunden werden.

In seinem Vortrag „Klima als ökonomischer Risikofaktor – können zunehmende Extremschäden noch bezahlt und versichert werden?“ ging Prof. Gerhard Bertz von der Universität München (ehemals GeoRisikoforschung der Münchner Rück) auf die Auswirkungen in der Versicherungswirtschaft ein. Diese lässt keinen Zweifel daran, dass wir einen Klimawandel haben, was sich vor allem an der Zunahme der „Großschadensereignisse“ seit 1950 zeigt. Der weltweit größte Versicherungsschaden, durch den Wirbelsturm „Cathrina“ 2006 verursacht, kostete die Versicherungswirtschaft ca. 60 Mrd. US- $. In 2007 gab es 7 „Großereignisse“. Es wird davon ausgegangen, dass der Hitzesommer 2003 in der Mitte unseres Jahrhunderts die Regel sein wird. Als Fazit aus Sicht der Versicherer stellte  er fest „Klimaschutz lohnt sich“, appellierte an die Kirchen mehr in Solardächer zu investieren und erwähnte, dass Kernkraftwerke nicht versicherbar seien, weil die zwar gegen Null gehende Eintrittswahrscheinlichkeit bei möglichen unabschätzbaren Schäden ein nicht kalkulierbares Risiko ist.

Der abschließende Vortrag des Sonnabends wurde sehr suggestiv von Prof. Hans-Peter Dürr, geschäftsführender Direktor des MPI für Physik und Astrophysik (Werner-Heisenberg-Institut) München und Träger des Alternativen Nobelpreises 1987, gehalten. Sein Thema war „Zahlenspiele – Lebensstile, wie viel menschliche Aktivität verträgt die Biosphäre?“ Der interessante und weit schweifende  Vortrag entzündete sich an einer Definition „Energiesklave“, abgeleitet vom natürlichen Energiebedarf des menschlichen Individuums zur Aufrechterhaltung seines Organismus. „Er“ beinhaltet in etwa den zusätzlichen Energieverbrauch eines Individuums zur (mehr oder weniger luxuriösen) Lebensgestaltung und ist bei den 6 1/2 Mrd. Menschen auf der Erde sehr differenziert ausgeprägt. So hat jeder Deutsche durchschnittlich  60 „Energiesklaven“ zu seiner Lebensgestaltung, während nach den Thesen von Dürr etwa 15 ausreichend seien für eine nachhaltige Lebensweise… Er zog die Schlussfolgerung, dass die Menschen einen Lebensstil benötigen, der die Stabilität des Biosystems gewährleistet, der Klimawandel aber nicht zum „Aussterben“ der Menschheit führen werde.

Am Nachmittag fanden Workshops in 3 Gruppen statt, wobei ich in der „Arbeitsgruppe Klimamodelle“ die Überzeugung gewann, dass trotz deterministischer Modellansätze noch keine sicheren Aussagen über längere Zeiträume (> 10 a) und größere Gebiete oder gar den gesamten Erdball in Sicht sind. Am Abend gab es ein Kulturprogramm mit anschließendem Empfang und gemütlichem Beisammensein  Der Sonntag begann mit einem Gottesdienst in der Kapelle durch Herrn Strobel, der auf die biblische Interpretation des Metanoia - des Wandels/der Umkehr  als Leitbild für den „Klimawandel im Herzen“ einging.

Im letzten Vortrag der Tagung berichtete Dr. Bernhardt Walter von der Organisation „Brot für die Welt“ Stuttgart über die Anstrengungen, „Klimagerechtigkeit praktisch umzusetzen, das Unvermeidbare bewältigen – Klimawandel und Ernährungssicherheit“. Auch in seinem Vortrag wurde deutlich, dass bisher nicht sicher angegeben werden kann, in welche Richtung die Veränderungen gehen werden - z. B. wird es mehr oder weniger Niederschläge in der Sahelzone geben ? Dennoch wird davon ausgegangen, dass die klimatischen Veränderungen zu mehr Hunger in der Welt (von derzeit ca. 850 Mio. Hungernden sind zusätzlich ca. 75 Mio. Menschen betroffen), zu Wasserverknappung (für zusätzlich etwa 2,4 – 3,1 Mrd. Menschen) und zu Dürrekatastrophen führen werden. Daraus wurden Konsequenzen für das künftige Handeln abgeleitet, die z. B. aus einem Rückgang und der wachsenden  Konkurrenz landwirtschaftlicher Flächen um Nahrung, Biomasse oder Futtermittel resultieren. Als Fazit nannte Bernhardt die Forderung, den Biomasseanbau primär für die Strom- und Wärmeerzeugung und nicht für den Einsatz in Treibstoffen zu nutzen.

Das Schlussresümee der Referenten zeigte noch einmal die hochgradige Aktualität und Komplexität des gewählten Themas. Natürlich wurde in fast jedem Vortrag auch auf die Rolle der bevölkerungsreichsten Länder China und Indien im Zusammenhang mit dem bedrohlichen Anstieg der Treibhausgas-Emission hingewiesen, wobei die westlichen Industriestaaten immer noch weit davor liegen - wie allgemein bekannt ist. Alles müsse vernetzt und im Zusammenhang gesehen werden und jeder Einzelne sei gefordert. Das Klimaproblem betrifft erstmals auch die westliche Welt, die bisher von Hunger, Wasserknappheit etc. verschont geblieben war. Nun müssten die Industrieländer den ersten entscheidenden Schritt tun und ihr Wachstumsdenken überwinden. 

Streiflichter der Tagung finden Sie auch unter  www.ev-akademie-baden.de. Der Weg nach Bad Herrenalb hat sich gelohnt und der Horizont zur Frage Klimawandel wurde durch die interessanten und vielseitig ausgewählten Vorträge sowie in den Diskussionen erweitert. Es gibt keinen Grund zur Hysterie, aber man kann und darf den Klimawandel auch nicht ignorieren, denn die Folgen werden uns alle betreffen.

Dr. Bernd Schmidt
Stellvertretender Vorsitzender
VDI Hallescher Bezirksverein

Ausgabe 1/2008