Mit Hettstedt und dem dort beheimateten Mansfeld-Museum war der Veranstaltungsort sehr bewusst gewählt. Hier, wo sich der erweiterte Vorstand des Halleschen Bezirksvereins zu einer Festsitzung traf, um an die 150-jährige Geschichte des VDI zu erinnern, hatte 1787 die erste deutsche Dampfmaschine Wattscher Bauart ihren Dauerbetrieb aufgenommen. Immerhin gilt die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt als Geburtsstunde des industriellen Zeitalters. Und so gelang Prof. Dr. Detlef Klöditz in seiner Festrede der perfekte Einstieg in eine Zeitreise durch 150 Jahre deutscher Ingenieurleistungen.
Der Vorsitzende des Halleschen Bezirksvereins sprach von den Wurzeln des VDI. Er erinnerte an die Schüler der Königlichen Gewerbeschule Berlin, die sich 1846 zum „Verein der Zöglinge des Königlichen Gewerbeinstituts“ zusammenschlossen, um sich als Schülervertretung um mehr studentische Freiheiten zu bemühen. Später wurde der Verein in „Hütte“ umbenannt. Ein Name, der sich übrigens nicht - wie oft vermutet - vom Bergbau oder Hüttenwesen ableitet. Vielmehr steht er für die damaligen Vereinsbestrebungen: eine Stätte der Technik, im übertragenen Sinn ein Schutz im Ungewitter, ein Heim der Freundschaft zu sein. Unter den Mitgliedern der Hütte entstand frühzeitig die Vorstellung von einem großen gesamtdeutschen Ingenieurverein. Beim 8. Stiftungsfest der Hütte (1854) fordert deren Vorsitzender Richard Peters die Gründung eines Vereins deutscher Ingenieure wegen „der Notwendigkeit, den Geist der Engherzigkeit und Zwietracht im Reich der deutschen Technik zu überwinden und diese durch einiges Zusammenwirken der geistigen Kräfte im Interesse des gesamten deutschen Vaterlandes die Weihe und Vollendung zu geben, ihre ehrenvollste Anerkennung zu finden, welche deutschem Geiste schon längst gezollt" wird.
Auf dem 10. Stiftungsfest sollte aus den vagen Plänen der Mitglieder der „Hütte“ Realität werden. Am 12. Mai 1856, einem Pfingstmontag, fuhren die Teilnehmer des Stiftungsfestes auf Leiterwagen, wohl eher an eine Herrenpartie erinnernd, von Halberstadt nach Alexisbad. Während der Fahrt konstituierte sich der Verein. So ungewöhnlich, ja unorthodox die äußeren Umstände der Vereinsgründung, so ehern jedoch seine Ziele. "Der Verein bezweckt ein inniges Zusammenwirken der geistigen Kräfte deutscher Technik zur gegenseitigen Anregung und Fortbildung im Interesse der gesamten Industrie Deutschlands." Zum ersten Vorsitzenden des Vereins Deutscher Ingenieure wird Friedrich Karl Euler gewählt, damals gerade 33 Jahre alt. Der Bestand der „Hütte“ bleibt indes davon unberührt. Er besteht als „Akademischer Verein Hütte e.V.“ noch heute.
Bereits im Gründungsjahr des VDI entstehen unter dessen Dach die ersten Bezirksvereine als regionale Zusammenschlüsse. In Mitteldeutschland wird dieser Schritt erst 1932 getan.
Frühzeitig erkennt der VDI die Notwendigkeit einer regelmäßigen Kommunikation zwischen Mitgliedern, aber auch interessierten Nichtmitgliedern. So wird 1857 die erste Ausgabe der „Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure“ herausgegeben.
In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens ist das Streben des VDI vor allen Dingen auf die Überwindung des Paragrafendschungels gerichtet, der der aufstrebenden deutschen Industrie aufgrund der Kleinstaaterei das Leben schwer macht. So wird bereits 1857 der erste Antrag zur Einführung des metrischen Systems in Maßen und Gewichten eingebracht. Dem sollten viele Systeme und Vorschriften folgen, die unter Beteiligung des VDI mit dem Ziel einer technischen Normung auf den Weg gebracht wurden. Doch es sollten von der ersten Antragstellung noch fast 60 Jahre vergehen, bis die Gründung des Normenausschusses der deutschen Industrie, später DIN erfolgte.
Sechzehn Jahre brauchte es, bis die Forderung des VDI nach einem gesamtdeutschen Patentgesetz gehört wurde. Erst 1877 wurde das Reichspatentgesetz verabschiedet.
1873 erfolgte auf Anregung des Oberschlesischen Bezirksvereins die Gründung staatlich anerkannter Dampfkesselüberwachungsvereine, dem späteren TÜV.
Auch um die Technische Bildung machte sich der VDI verdient. Seinem Bemühen ist es zu danken, dass eine klar strukturierte Ingenieurausbildung eingeführt, technische Mittelschulen gegründet wurden, aus denen sich später die Ingenieurschulen entwickelten. Auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurden die Polytechnischen Schulen Aachen, Berlin und Hannover mit allen Rechten und Pflichten einer Hochschule ausgestattet und avancierten damit zu Technischen Hochschulen.
Nach so viel Geschichte widmete sich Prof. Dr. Klöditz dem heutigen VDI. Er erläuterte Strukturen und Gremien. Der Hochschuldozent referierte über Herausforderungen, denen sich Ingenieure und damit auch der Verein zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellen müssen. Er streifte traditionelle Betätigungsfelder und weitete den Blick für Neue. Er sprach von Bio-, Nano- sowie optischen Technologien und Informationstechnik als Schlüsseltechnologien, von Technologietransfer und Managementberatung und der Notwendigkeit einer steten Weiterbildung. Mit gewissem Stolz verwies Prof. Dr. Klöditz auf die bundesweit 720 VDI-Veranstaltungen mit insgesamt 22.000 Teilnehmern, die einzig der Weiterbildung von Ingenieren dienten.
Überhaupt waren die Zahlen, mit denen Prof. Dr. Klöditz aufwartete, beeindruckend. So sind unter dem Dach des VDI 45 Bezirksvereine mit mehr als 150 Bezirksgruppen und 625 Arbeitskreisen tätig. Die Bezirksvereine organisieren pro Jahr insgesamt rund 6.000 Veranstaltungen und können auf ca. 220.000 Teilnehmer verweisen.
Im eigenen Bezirksverein fanden 2005 insgesamt 115 Veranstaltungen mit rund 3.000 Teilnehmern statt.
Dennoch verhehlte der Festredner auch nicht die Probleme, mit denen sich der VDI auseinandersetzt. So sprach er von den mehr als 15.000 fehlenden Ingenieuren in Deutschland und davon, dass der Ingenieurmangel die Investitionsbremse Nummer 1 in der Bundesrepublik darstellt. Der Wertschöpfungsverlust betrage, so der Referent, 2,6 Mrd. Euro.
Eine Besserung der Lage sei nicht in Sicht. Die Zahl der Studienanfänger sei rückläufig, seit 2003 ganz konkret um 12 Prozent gesunken.
Auch dem Thema Innovation widmete Prof. Dr. Klöditz Redezeit. Erfreulich sei, so seine Aussage, dass Deutschland bei Patententwicklungen absolute Spitze ist. 2004 habe es in der Bundesrepublik mehr Patentanmeldungen gegeben als in den drei nächstplatzierten Ländern zusammen. Wenn es jedoch um die Platzierung deutscher Entwicklungen gehe, hätten häufig andere Länder die Nase vorn, bedauerte Klöditz. Konkret führte er das Beispiel Nanotechnologie an. Jedes zweite Unternehmen der Branche in Europa, habe seinen Firmensitz in der Bundesrepublik. Bei der Umsetzung seien jedoch Japan und die USA eindeutig erfolgreicher. Es sei schon äußerst bedenklich, wenn die BRD in den Schlüsseltechnologien weltweit führend ist, als Investitionsstandort jedoch von Rang 3 (2004) auf Rang 5 zurückgefallen sei und nunmehr hinter China, USA, Indien und Polen läge.
Um diesem Negativtrend entgegenzuwirken, habe sich auch der VDI entschlossen, sich der Initiative „Sachen machen“ anzuschließen. Hochkarätige Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft haben diese Initiative ins Leben gerufen mit dem Ziel, den Technikstandort Deutschland zu sichern, den Nachwuchs zu fördern, die Innovationskraft zu stärken und damit Deutschland wieder zum Technologiestandort Nr. 1 weltweit zu machen. Dazu brauche man auch und gerade kluge, agile und engagierte Ingenieure.
Diese Eigenschaften vereinten auf sich auch die nachfolgenden Referenten. Gäste der Festsitzung des Halleschen VDI-Bezirksvereins waren Vertreter der Geschäftsführung der MKM Kazakhmys (Mansfelder Kupfer und Messing GmbH), einem der erfolgreichsten Unternehmen Sachsen-Anhalts. Sie demonstrierten auf beeindruckende Weise, zu welcher innovativen Leistung deutsche Ingenieure fähig sind. Das Unternehmen produziert und vertreibt Gießwalzdraht, Vorwalzband, Bänder, Bleche, Rohre, Stangen und gezogenen Draht aus Kupfer und Kupferlegierungen. MKM beliefert die Bauindustrie, den Anlagenbau, die Elektroindustrie, Automobilzulieferer und den Handel. Das traditionsreiche Unternehmen, das Vertriebsbüros in England, Frankreich, Italien und Nordamerika unterhält, agiert weltweit und erzielte 2005 einen Umsatz von rund 685 Millionen Euro. Mit mehr als 1000 Mitarbeitern zählt MKM zu den größten Arbeitgebern des Landes.
Bei einem virtuellen Rundgang durch die Produktionsanlagen der MKM fügten sich Festrede und Praxispräsentation zu einem harmonischen Ganzen. Wurzeln und Blüte komprimiert beieinander: Die Darstellung eines 150jährigen Wirkens des VDI, einem Verein, der mehr sein will als Lobbyist, gestrafft in drei Stunden, eine wahrhaft (technische) Meisterleistung!
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