Ölwechsel fällig

Das war das Thema der diesjährigen Tagung bei der Evangelischen Akademie Baden zusammen mit dem Verein Deutscher Ingenieure vom 28. – 28.01.2007 in Bad Herrenalb (Schwarzwald).

In der Mittagspause erholsamer Spaziergang durch die Schwarzwälder Schneelandschaft
Erdöl ist derzeit der wichtigste Energieträger weltweit. Seine Verwendung ist aber auch der größte Faktor für den Treibhauseffekt und die Umweltverschmutzung. Da sich die Endlichkeit dieser Ressource andeutet, wird die ungezügelte Verwendung von Erdöl immer mehr ein politischer Destabilisierungsfaktor bis hin zu Kriegsgründen und ein wirtschaftliches Risiko, einer Wohlstandsfrage. 20 % der Bevölkerung verbrauchen 60 % der erzeugten Energie. 1,6 Milliarden Menschen haben noch keinen Stromanschluss.

Dr. Zittel (Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH München) gab einleitend einen Überblick zur derzeitigen Situation. Der Energieverbrauch wird sich noch verdreifachen, wenn die bevölkerungsreichen Staaten in Asien und Afrika sich dem europäischen Verbrauch annähern wollen. Zurzeit liefern fossile Brennstoffe, wie Erdöl, Erdgas und Kohle 90 % des weltweiten Energiebedarfs, Biomasse etwa 10 %. Wasser-, Wind- und Solarenergie haben insgesamt noch einen sehr geringen Anteil. Bereits seit 1980 wird mehr Erdöl verbraucht als zusätzlich an Reserven ergründet wird. Die USA stellen nur 5 % der Weltbevölkerung, aber verbrauchen 23 % der Erdölreserven. Die Erdgasausbeute wird in etwa 20 Jahren ihr Maximum überschreiben, was in den westeuropäischen Ländern Großbritannien, Niederlanden und Norwegen schon geschehen ist.

Klimatisch betrachtet werden sich die ungezügelten Verbräuche erst in 20 Jahren wirksam niedergeschlagen. Kohle und Kernenergie werden Erdöl nicht ersetzen können. Ein „Weiter wie bisher“ wird in absehbarer Zeit ein Energieloch erzeugen. Der Ausbau erneuerbarer Energien (Wind, Solar, Wasserstoff) und vor allem das Verhalten jedes Einzelnen – nämlich Energie zu sparen – sind Zukunftsbotschaften.

Dr. Hecht (HotRockEngineering GmbH Karlsruhe) gab einen Einblick in die Energie aus der Tiefe der Erde. Geothermie ist eine wirksame Methode zur Beheizung von Gebäuden (50 % des Energieverbrauchs) und wurde 1904 erstmals in der Toskana erprobt. Der Rohstoff (Erdwärme und Wasserkreislauf) ist quasi kostenlos, aber der technische Aufwand (Bohrung, Rohrleitungen, Wärmepumpen) schlägt zu Buche. Die beste Ausbeute entsteht in Gegenden mit vulkanischem Ursprung. In der Schweiz wird schon jedes zweite Gebäude mit Erdwärme beheizt.

Frau Dr. Kruse (Institut für Technische Chemie Forschungszentrum Karlsruhe) berichtete über den Stand der Gewinnung von Energie aus Biomasse von Pflanzen und Tieren. Theoretisch sind Erdöl und Kohle auch Biomasse, derzeit wird die Grenze bei der Torfgewinnung gezogen. Die verfügbare Biomasse wird auf das Fünffache des Weltenergieverbrauches eingeschätzt. Die derzeitige Nutzung beträgt etwa 1,5 % dieses Anteils. Es wird in trockene (z. B. Stroh) und nasse (z. B. Tierabfälle) Biomasse unterschieden. Die Herstellung von Synthesegas ist günstiger als die direkte Verbrennung und Verflüssigung. Biomasse ist CO2-neutral, aber produziert bei Verbrennung Feinstaub. Sie ist andererseits einzige regenerative Kohlenstoffquelle.

Prof. Cacuci (Universität Karlsruhe und California, Berater der französischen Atomenergie) stellte die neuen Reaktortypen III und IV vor. Weltweit ist zurzeit der Typ II (400 Leichtwasserreaktoren = 80 % aller Typen) in Nutzung. Diese sind in Deutschland 22 Jahre in Betrieb, in Großbritannien, Frankreich und den USA bis 30 Jahre. 17 % der Weltstromerzeugung basieren derzeit auf Kernenergie. Die Kernenergie verursacht nur geringe Materialkosten (Uran ist allerdings auch absehbar endlich) und kaum Umweltverschmutzung, aber hohe Investitionskosten vor allem wegen des Sicherheitsrisikos. Die neue Generation der Reaktoren hat bedeutend höhere Sicherheitsstandards und ist auch in Kleineinheiten umsetzbar. Aus den 0,33 % hoch radioaktiven Spaltprodukten wird das Uran und das Plutonium vollständig recycelt, so dass davon nur noch 3 – 5 % giftige Abfälle übrig bleiben, die maximal 200 Jahre überdauern. Außerdem wird die Plutoniumverwendung für Waffenproduktion unterbunden. 2020 werden die ersten Kernkraftwerke der neuen Generation III und IV den Typ II in Frankreich und Finnland ablösen.

Dipl.-Phys. Förster (Delta Automation Schkopau) während seines VortragesDipl.-Phys. Förster (Deltaautomation GmbH Schkopau) erläuterte die Verknüpfung regenerativer Energien zu einem flexiblen Kraftwerk und deren Einbeziehung in einen Energie-Fahrplan. Die Energieanlagen aller vorhandenen Energieerzeuger werden zu einer Energiebilanz zusammengestellt, die wie in der Energieversorgung üblich in viertelstündlich abrufbaren Angeboten besteht. Wettervorhersagen, Wartungspläne u. a. werden einbezogen, um weitestgehend genaue Ausschreibungen zur Regelenergielieferung und zur Bereitstellung von Reservestrom zu erhalten. Großen Netzbetreibern und Energieerzeugern soll die Abneigung gegen das Einspeisen regenerativer Energien gemindert werden. Das setzt allerdings voraus, dass alle bei Überangebot auch Teillastbetrieb einkalkulieren. Insgesamt wird ein Energiemix vorausgesetzt.

Frau Dipl.-Soz. Gruber (Fraunhofer-Institut Karlsruhe) beschäftigte sich eindringlich mit der Energiequelle Verbraucherverhalten. Der Energieverbrauch in Deutschland ist seit 1995 um 17 % gestiegen. Dazu trugen u. a. die immer größeren Wohnflächen pro Person (15 qm 1950 – 40 qm 2005) und die zunehmende Anzahl von Single-Haushalten bei. Der Preisanstieg von Energie wirkt nur begrenzt. Zunehmendes Angebot und Anwenden elektrischer Geräte, Heizungs- und Lüftungsregime, Mobilitätsverhalten, Energiepass für Wohn- und Gesellschaftsbauten, Umweltverhalten und –verantwortung sind einige der individuellen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen für die Beeinflussung des Energieverbrauchs.

Prof. em. Ruh (Universität Zürich) ging abermals auf das Verhalten und die Verantwortung des Menschen ein. Oberster Grundsatz ist – Niemandem schaden!“ Prof. Ruh veröffentlichte kürzlich das Buch „Die Zukunft ist ethisch oder gar nicht“. Ethik als Lebensweisheit einer Kultur steuert den Menschen und schafft Orientierung, ist ein menschliches Reservoir. Der allseits gepriesene Markt verbraucht Ethik, ohne das Reservoir aufzufüllen. Nur der Mensch mit seiner Sprachbegabung und der Fähigkeit, Erfahrungen über Jahrtausende weiterzugeben, schafft die Möglichkeit, sein Verhalten positiv oder auch negativ zu variieren. Hierbei haben die Politik und auch die Kirche große Aufgaben, vor allem aber wiederum der Einzelne.

Der Evangelischen Akademie Baden gelingt es immer wieder, eine große Resonanz mit ihren Themen zu erzeugen. Dieses Mal waren über 150 Teilnehmer aus der Region und darüber hinaus angereist (8 aus Halle). Die meisten Teilnehmer haben eine technisch geprägte Ingenieurausbildung und/oder ein ethisch motiviertes Anliegen aus dem christlichen Glauben heraus. Dieser „Energiemix“ führt immer wieder zu interessanten Diskussionen nach den Vorträgen und den Pausen und den Abendveranstaltungen. Der Karlsruher BV des VDI feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Die weitere Zusammenarbeit beider BV in Karlsruhe und Halle schafft auch die Voraussetzung für die Veranstaltungen gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Wittenberg. 15 der Teilnehmer von „Ölwechsel fällig!“ haben bereits für die Tagung „Nanotechnologie“ vom 05. – 07.10.2007 Interesse angemeldet. Besonderer Dank gilt Herrn Pfarrer Strobel von der Evangelischen Akademie Baden, Herrn DI Boßler vom Karlsruher BV und dem langjährigen Vorsitzenden und Initiator dieser Zusammenarbeit, Herrn Prof. Schüring.

Dr.-Ing. Joachim Schwarz
Ausgabe 1/2007